• Wohnen wie vor 100 Jahren

Wohnen wie vor 100 Jahren

10.06.2019

Mein Haus, mein Zuhause - Das ehemalige Pförtnerhaus der Villa Schmidheiny in Heerbrugg wurde mit viel Sorgfalt renoviert. Lange stand es im Schatten von Schloss und Villa, am Hang gegenüber dem Leica-Areal im St.Galler Rheintal. Zuletzt wohnte darin die Witwe des ehemaligen Chauffeurs des Industrielle Max Schmidheiny. Sie genoss lebenslanges Wohnrecht – notabene bis ins hohe Alter ohne Dusche und Bad. Nach der gelungenen Renovation Ende 2018 wohnt der beauftragte Rheintaler Architekt, Jesco Hutter, gerade selbst im neu erstrahlten Pförtnerhaus. Mit seinem Kollegen Carlo Baumschlager führt er ein international renommiertes Architekturbüro mit rund siebzig Mitarbeitenden an den Standorten Heerbrugg, St.Gallen, Zürich, Dornbirn, Wien und München.

Mit grossem Respekt renoviert

Das Pförtnerhaus aus der Jahrhundertwende befindet sich sowohl von der Lage her wie auch punkto Prunk im Schatten der mondänen Schmidheiny-Villa, wo sich die Büros des Architekturbüros befinden. Jesco Hutter meint, es sei ein einfacher Bau, für einfache Leute konzipiert, eben für die Bediensteten der reichen Schmidheinys. Nach der sanften, originalgetreuen Renovation steht es neu unter Denkmalschutz. Jesco Hutter geht gerne seinen eigenen Weg, dies auch bei dieser Aufgabe. Denn er hat das Gegenteil von dem gemacht, was heute üblicherweise unter «Renovation» verstanden wird. Er hat nicht etwa das Haus auf heutigen Wohnkomfort «getrimmt», sondern alles original belassen. Mit dieser behutsamen Auffrischung wurde der Charakter des Hauses nicht angetastet, im Gegenteil, die Würde wurde dem Haus zurückgegeben. Die Bodenbretter wurden lediglich geputzt und gewachst, die Fenster nicht ersetzt, die Wände ebenfalls im Originalzustand belassen. Ein Zugeständnis an einen gewissen Komfort im Innenausbau war der Einbau eines Cheminées, einer zeitgemässen Küche, einer Dusche und einer Badewanne. Alles steht auf Füssen, so dass der alte Boden mit Patina optimal zur Geltung kommt und und alles wieder problemlos demontiert werden kann.

Das Haus zählt zehn Zimmer. «Kleine Zimmer», wie Jesco Hutter erzählt. «Jedes Zimmer hat seine ganz eigene Qualität und Geschichte. Es gibt eine Holzstube, ein Tapetenzimmer, eine verputzte Küche, ein ausgebauter Kellerraum, und vieles mehr.» Je nach Stimmung und Art der Gäste suche er sich einen anderen Raum im Haus aus. Auch seine drei Kinder seien begeistert, sie hätten schon verschiedenste Partys gefeiert. «Die Spuren sind heute noch sichtbar. Das ist gut so», schmunzelt Jesco Hutter, «das Haus ist zum gebrauchen da».

Von der «Leder-Loft» zum Steinhaus

Wie kommt es, dass ein international tätiger, renommierter Architekt, der zuletzt in einer grosszügigen Loft lebte, deren Boden, Wände, Decke und Einrichtung vorwiegend aus Leder bestanden, nun ein Bediensteten-Haus aus der Jahrhundertwende bewohnt? Jesco Hutter hat schon immer gerne in von ihm geschaffenen und/oder renovierten Häusern gewohnt. Er sieht die Eigennutzung als eine besondere Wertschätzung seiner Architektur. Dazu zählt ein von ihm entworfenes, kleines Betonhaus, eine Fabrik-Loft, die «Leder-Loft» und nun neu das Pförtnerhaus. Jede Wohnsituation habe seinen eigenen Wert. Er sei durchaus der Meinung, es müssten nicht immer riesige Räume sein. Er fühle sich auch in kleinen Räumen pudelwohl. So sei er aufgewachsen, in Diepoldsau, in einem kleinen Haus. Mit seiner Schwester habe er ein 12m2 Zimmer geteilt. Er schätze deshalb auch Kleinräumigkeit.

Text: Sarah Peter Vogt, intu consulting & coaching
Fotos: Joshua Loher, atelier loher gmbh